Deine Wahrheit. Meine Wahrheit. Was ist wirklich wahr?
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Was Elizabeth Holmes, ein Dokumentarfilm und die Kybernetik mit unseren Beziehungen tun haben.

Liebe Leserinnen und Leser
Ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung über einen Dokumentarfilm zu Elizabeth Holmes hat mich zum Nachdenken gebracht. Besonders fasziniert hat mich dabei weniger die Geschichte ihres Unternehmens als die geradezu skurrile Dynamik, die sich zwischen den Beteiligten entwickelt.
Elizabeth Holmes wollte mit wenigen Tropfen Blut die Medizin revolutionieren. Ihr Unternehmen Theranos wurde mit Milliarden bewertet, die Medien feierten sie als Wunderkind des Silicon Valley. Doch die Technologie hielt nicht, was sie versprach. Holmes wurde wegen Betrugs verurteilt.
Die Dokumentation versucht, hinter ihre Fassade zu blicken. Doch je näher die Filmemacher kommen, desto undurchsichtiger wird die Geschichte. Holmes erzählt ihre Version, andere Beteiligte schildern dieselben Ereignisse anders. Und auch die Filmemacher bringen ihre eigenen Erwartungen und Interpretationen mit.
Das Skurrile daran: Aus dem Versuch, Wirklichkeit zu dokumentieren, entsteht eine neue Wirklichkeit.
Denn eine Kamera beobachtet nicht einfach neutral. Ihre Anwesenheit verändert das Verhalten der Menschen. Wer beeinflusst hier eigentlich wen? Und was wäre ohne die Kamera überhaupt geschehen?
Genau hier musste ich an die Kybernetik zweiter Ordnung denken.
Wenn der Beobachter Teil des Geschehens wird
In der systemischen Beratung gehen wir davon aus, dass wir ein Geschehen nicht unabhängig von unserer eigenen Wahrnehmung betrachten können.
In Paarbeziehungen zeigt sich das besonders deutlich. Wir reagieren nicht nur auf das Verhalten unseres Partners, sondern auf das, was wir darin zu erkennen glauben. Unsere Reaktion beeinflusst wiederum sein Verhalten, das möglicherweise unsere ursprüngliche Annahme bestätigt.
So entstehen über Jahre Beziehungsmuster, die sich gegenseitig verstärken. In der systemischen Beratung sprechen wir von zirkulären Wechselwirkungen.
Zwei Menschen können dieselbe Beziehung leben und dennoch völlig unterschiedliche Geschichten darüber erzählen. Nicht unbedingt, weil einer lügt, sondern weil Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle unsere Wahrnehmung prägen.
Das bedeutet nicht, dass es keine Tatsachen gibt. Im Fall Holmes wurden Täuschungen und Betrug nachgewiesen. Unterschiedliche Perspektiven machen nicht jede Darstellung gleich wahr.
Wenn die Schuldfrage nicht mehr weiterführt
Auch Paare verlieren sich manchmal in der Frage, wer angefangen hat, wer recht hat und wer für die Situation verantwortlich ist.
Jeder möchte, dass der andere endlich seine Sichtweise versteht. Doch in einer zirkulären Dynamik ist das Verhalten des einen häufig zugleich Reaktion auf den anderen und Auslöser für dessen nächste Reaktion.
Das entbindet niemanden von seiner Verantwortung. Aber irgendwann führt die Suche nach dem Schuldigen nicht mehr weiter.
Dann stellt sich eine andere Frage: Wohin wollen wir eigentlich noch?
Haben wir noch ein gemeinsames Ziel? Wollen wir unsere Beziehung verändern? Oder müssen wir anerkennen, dass unsere Vorstellungen von der Zukunft auseinandergehen?
Was bedeutet das für die Paarberatung?
Mich interessiert nicht, welche Beziehungsgeschichte überzeugender klingt. Mich interessiert, wie die unterschiedlichen Wahrnehmungen entstanden sind, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und welche Möglichkeiten ein Paar heute noch sieht.
Verletzungen müssen ernst genommen und Verantwortung muss übernommen werden. Doch eine Beziehung lässt sich nicht allein dadurch gestalten, dass wir ihre Vergangenheit immer genauer rekonstruieren.
Vielleicht werden wir uns über die Vergangenheit nie vollständig einig. Aber wir können herausfinden, ob und wie wir unsere Zukunft noch gemeinsam gestalten wollen.
Und genau darin sehe ich eine wesentliche Aufgabe der Paarberatung.
Herzlich
Cat
BeziehungsECHO – Beziehungen verstehen. Sich selbst entdecken.


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